Subjektivität, Ausdruck, Lust am Erzählen
Welche Ausdrucksformen stehen einer zu sich selbst kommenden Subjektivität zur Verfügung? Einer Subjektivität, die keine Autonomie vorschützt, sich keines unreflektierten Narzissmus bedient, um von ihrer Heterogenität abzulenken, ihrer durchaus existenziellen Fremdbestimmtheit.
Fortwährende Präsenz, Anwesenheit in Zuständen von Bewusstsein, Reflexivität und anwesender Abwesenheit – beispielsweise im Traum – bringt Aspekte von Verantwortung mit sich, so die Notwendigkeit ein Leben zu führen. Ist das derart agierende Selbst univok, geschlechtslos? Wohl kaum. Die allein genderbasierten Implikationen codieren ein Anderen-Verhältnis, das geradezu leiblich eingeschrieben ist. Resultierende Diskurse des Begehrens des Anderen ergeben sich ohne intentionales Zutun. Die implizite Ordnung der agierenden Zeichen ist imaginär und symbolisch zugleich. Die Austauschverhältnisse mit sozialisierten Naturdingen – die Kulturwelt – nimmt Einschreibungen vor, die durchaus sprachlos kommunizieren, untereinander wie mit den Subjekten und umgekehrt. Diese Dimension kann als Ausdruck bezeichnet werden. Zeichen des Realen.
Linguistisch betrachtet, ergibt sich die Frage nach dem Inhalt, dem shiftenden Komplementärfaktor des Ausdrucks. Wo sich das Interesse an solchen Verhältnissen einem Ideal von Wissenschaftlichkeit ergibt, tritt Subjektivität notwendigerweise zurück. Sie als Ausdruck aufrecht zu erhalten, bedarf anderer Modi. Aisthesis – Sinnlichkeit – zählt zweifellos dazu. Doch wie ist es mit dem Verschwinden bestellt, den Dimensionen, wo in eigenem Namen Geäußertes verstummt? Subjektlose Dialoge mit dem Nichts?
Unbeeinträchtigt von allen Ausdrucksformen von Kunst lassen sich derartige Verhältnisse dialogisch fassen. Ob mit abwesenden – als formale Erzählung, Poesie – oder anwesenden Anderen. Skripturalität begibt sich dabei notwendig in den Kosmos von Interpretation, Oralität hält sich die Flüchtigkeit und die Emergenz von Resonanzen offen. Bringt Seelen zum Austausch.
Diese Aspekte begleiten das Sprechen im eigenen Namen. Sie komplettieren die vorangehende Sequenz der Logik der Begrenzungen und der Intensitäten und unterstreichen deren Relevanz als schöpferische gesellschaftliche Kraft.
Ihren Platz einzunehmen ist angesichts der nahezu organisiert erscheinenden Disqualifikation individueller Schöpfungen essenziell.
"Wir wissen wohl, woher der Mangel – und sein subjektives Korrelat, die Phantasie – stammt. Er wird innerhalb der gesellschaftlichen Produktion eingerichtet und organisiert. Er ist – durch die Instanz der Anti-Produktion, die sich den Produktivkräften überstülpt und sie aneignet – Gegen-Produkt. Niemals ist er primär (...)"
Gilles Deleuze, Félix Guattari, Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I (1977), 37.
Ist Phantasie, die im Erzählen zum Ausdruck kommt, tatsächlich 'nur' Mangel?
Womöglich verdeutlichen Phantasien auch existenzielle Grenzen, wie etwa der Wunsch, zu fliegen – Erdgebundenheit zu überwinden, wie sie im imaginären oder performativen Akt tatsächlich erreicht wird? Communicatio ... Etwas gemeinsam machen ... Die Dialektik von Schöpfung und Verlust genießen?
"Es gibt nicht gesellschaftliche Produktion von Realität auf der einen, Wunschproduktion von Phantasie auf der anderen Seite." p. 38.
Dabei fundiert Erzählen als auf sprachlichen Grundlagen agierendes Tun eine Verbindung mindest zum Vorbewussten, insofern es sich auf Wortvorstellungen bezieht.
"Wie wird etwas vorbewusst?‘ Und die Antwort wäre: ‚Durch Verbindung mit den entsprechenden Wortvorstellungen'." Sigmund Freud, Das Ich und das Es (1923).
Wobei eben auch der klassische Diskurs zum Unbewussten erzählerisch erfolgt. Noch einmal Freud:
"Ich bin nicht immer Psychotherapeut gewesen, sondern bin bei Localdiagnosen und Elektroprognostik erzogen worden wie andere Neuropathologen, und es berührt mich selbst noch eigenthümlich, dass die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind, und dass sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren. Ich muss mich damit trösten, dass für dieses Ergebniss die Natur des Gegenstandes offenbar eher verantwortlich zu machen ist als meine Vorliebe (...)." Fräulein Elisabeth v. R ... (Freud) in: Josef Breuer und Sigmund Freud, Studien über Hysterie (1895).
Die Talking Cure darf also durchaus als etwas dem Behandlungszimmer emanzipatorisch Entwachsenes verstanden werden ... Erzählen ... Sprechen im eigenen Namen ... gesellschaftliche Produktion ... Wunschproduktion ...
Wie immer, folgen die Gedanken sich selbst. So sich weitere Mitstreiter*Innen einfinden, als offenes, begehrens-ökonomisches Forum.
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